Rückblick auf die IHK-Sommerprüfungen 2021 (Teil A) – IT-Berufe-Podcast #167

Einen Rückblick auf Teil A (Projektarbeit) der IHK-Sommerprüfung 2021 gibt es in der einhundertsiebenundsechzigsten Episode des IT-Berufe-Podcasts.

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Inhalt

Ich gehe mein Highlights und „Lowlights“ der diesjährigen Sommerprüfungen durch. Trotz Corona liefen sie eigentlich ab wie immer, nur halt mit mehr Hygieneauflagen. Und die altbekannten Fehler in Dokumentation, Präsentation und Fachgespräch gab es auch immer noch! 🙂

Allgemeines

  • Ein Prüfling hat seinen Personalausweis im Auto vergessen und brauchte 5min Verschnaufpause, nachdem er hektisch die Treppen hochgelaufen kam.
  • Ein Abschlussprojekt wurde scheinbar schon 2019 begonnen, wenn man dem Berichtsheft trauen kann.
  • Ein Berichtsheft wurde im Minutentakt (!) geschrieben.
  • Viele Sprachen waren vertreten: Java, C#, Go, RPG, TypeScript, JavaScript, Ruby.
  • Dominierende Technologie: SPA + Spring Boot im Backend.

Projektdokumentationen

  • Die kürzeste Dokumentation war 9,5 Seiten lang bei einer Vorgabe von 15 Seiten.
  • Lächerliche Inhalte, die wohl ausschließlich dem Füllen der Seiten dienten
    • Klassendiagramm aus einer einzigen Klasse
    • Screenshots der IntelliJ-Projektstruktur (drei Ordner)
    • Seitenweise langweiliger Quelltext auf schwarzem Hintergrund
    • „Auszug“ aus einem Lastenheft mit lediglich drei Aufzählungspunkten
    • Generierte „Entwicklerdokumentation“ ohne echte Kommentare
    • Standard-Dateispeicherdialog als Screenshot der Anwendung
    • Triviales Aktivitätsdiagramm mit einer einzigen Verzweigung
  • Formelle Fehler
    • Kein Deckblatt
    • Keine Überschriften über Verzeichnissen
    • Abkürzungsverzeichnis nicht sortiert
    • Flattersatz statt Blocksatz verwendet
    • Farbe der Überschriften nicht exakt gleicher Farbton wie im Logo des Unternehmens
    • Erklärung grausig schlecht eingescannt (dunkel und schief)
  • Inhaltliche/fachliche Fehler
    • Stundensatz 5 EUR (Azubivergütung / Arbeitszeit) ohne Arbeitgeberanteil zur Sozialversicherung, Gemeinkosten etc.
    • Unit-Tests, die gar nichts testen (kein assert() oder nur assertNotNull())
    • Use-Case-Diagramm war sehr (!) häufig fehlerhaft
    • „excludes“, seltsame Pfeile, keine Vererbung genutzt
    • Als Ablaufdiagramm missbraucht
  • Unsinnige Inhalte, die Platz für wichtige Inhalte rauben
    • Für das Projekt unsinnige Kapitel (meiner Vorlage) ausgefüllt
    • Clean Architecture als Grafik im Anhang
    • Scrum, PHP und andere Grundlagen „erklärt“
  • Positive Inhalte
    • Vernünftig gegenderte Dokumentation
    • Entscheidungstabelle für komplexe Logik modelliert
    • Pandemie in Amortisation einberechnet (Software für Sporttourniere)
    • Ergebnisse des Code Review erklärt (z.B. Variablen umbenannt)

Projektpräsentationen

  • Die Präsentationen waren dieses Mal zwischen 11:10 Minuten und 16:15 Minuten lang.
  • Eine Präsentation bestand aus nur 7 Folien und der Prüfling hat trotzdem die Zeit überzogen.
  • Häufigstes Problem: keine oder zu wenige Artefakte gezeigt.
  • Die Architektur wurde fast nie gezeigt. Das ist gerade bei SPA + REST ein Problem.
  • Cliparts! Cliiiiiiiiparts!?
  • Trivialer Code (for-Schleife mit if-Statement) wurde minutenlang erklärt.
  • TDD/Scrum wurde erklärt.
  • Absolut unnötige Fehler
    • Rechtschreibfehler auf den Folien.
    • deutlich sichtbare kaputte Formatierung (Zeileumbrüche mitten im Wort)
  • Harte Pfade (C:\Users\Prüfling\...) im Test-Code, aber angeblich CI/CD benutzt.
  • Viele Prüflinge haben bei ihrer Projektarbeit „viele Erfahrungen gesammelt“. Das heißt, dass viele von ihnen zum ersten Mal mit der eingesetzten Technologie gearbeitet haben.
  • Es gab eine (sinnvoll) gegenderte Präsentation.
  • Statt ein Use-Case-Diagramm zu zeigen, wurde eine Tabelle der Use-Cases mit Zuordnung zu Akteuren erstellt.
  • Ein Prüfling hat „lol“ und „sounds fun“ laut in der Präsentation gesagt. *cringe*
  • Positives
    • Foliengestaltung und insb. Agenda als „Browser-Tabs“ dargestellt mit „Klick“ auf Links im Burger-Menü.
    • Video eines Selenium-Testlaufs eingebaut.

Fachgespräche

  • Fast immer (!) waren die selbst verwendeten Technologien nicht bekannt!
    • JavaScript: let/var/const, TypeScript vs. JavaScript
    • Java: Lambdas, Generics, Typinferenz
    • C#: using, String-Interpolation, out/ref, bool?
    • Go: Coroutines
    • DDD, CI/CD, PWA
  • Jemand konnte tatsächlich Kanban erklären (Visualisierung, Pull-Prinzip, WIP-Limit).
  • Wir haben zweimal nach Backup-Verfahren gefragt.
  • Mehrere Prüflinge haben (angeblich) eine Codeanalyse gemacht, aber keine Ahnung, was dabei herausgekommen ist (z.B. Code Coverage, Smells).
  • Frage eines Prüflings an meinen Prüferkollegen: „Kennen Sie sich mit IT aus?“

Häufigste Fragen im Fachgespräch

  • Stundensatz, Gemeinkosten/BAB, Sozialversicherungen (fast in jedem Gespräch)
  • Typisierung der verwendeten Sprache(n) (fast immer bei Backend + Frontend)
  • REST, HTTP, Statuscodes, Methoden (insb. GET/POST) (fast in allen Web-/SPA-Projekten)
  • Kardinalitäten
  • Lambdas, Generische Klassen (insb. wenn sie verwendet wurden)
  • Lastenheft vs. Pflichtenheft
  • Datenschutz
  • Datenbank-Transaktionen

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Portrait von Stefan Macke
Polyglot Clean Code Developer
Über den Autor
Ausbildungsleiter für Fachinformatiker Anwendungsentwicklung und Systemintegration, IHK-Prüfer und Hochschuldozent für Programmierung und Software-Engineering.

6 Kommentare zu “Rückblick auf die IHK-Sommerprüfungen 2021 (Teil A) – IT-Berufe-Podcast #167

  1. J sagt:

    Zu den grüntönen beim Logo.. Es kann auch sein, dass die Doku jemand mit einer Rot/Grünschwäche hat und die Farbe nicht richtig auswählen konnte.

  2. Stefan Macke sagt:

    Hallo J, klar, das könnte sein! Aber das wäre dann doch sicherlich trotzdem dem/der Ausbilder:in aufgefallen beim Drüberschauen, oder?

  3. Floristika sagt:

    Moin,
    hmm … zu den Technologien, welche im Prüfungsprojekt verwendet habe ich ein paar Anmerkungen. Ich mache seit 2019 eine Umschulung zur Fachinformatikerin für Anwendungsentwicklung in einem Bildungsträger in Teilzeit und habe nächstes Jahr im Sommer meine Abschlußprüfung. Diese beinhaltet auch ein 8 monatiges betriebliches Praktikum. In der Zeit der „Theorie/Praxis“ wurden uns verschiedene Sprachen & Werkzeuge an die Hand gegeben, wie PHP (leider nur prozedural), Java und C#. In meiner Praktikumsfirma wird PHP (OOP) und Laravel benutzt. Diese Sprache, Technologie bin ich am lernen und meine praktische Prüfung baut darauf auf. Wenn ich das von Ihnen so höre, ist dies wohl von Anfang an zum Scheitern verurteilt? Bin nun mehr als verunsichert ….

  4. Stefan Macke sagt:

    Hallo Floristika, wenn du schon mit der Technologie arbeitest, ist doch alles gut. Es geht ja darum, nicht zum ersten Mal damit zu arbeiten, wenn es um das Abschlussprojekt geht.

  5. Marco Bakera sagt:

    Danke für die interessante Folge.

    Eine Anmerkung noch zum Flattersatz bzw zur linksbündigen Ausrichtung. Bei einspaltigen Texten unterstützt dieser den Lesefluss und ist daher nicht unüblich in der Typographie. Edward Tufte ist z.B. ein Freund davon.

  6. Stefan Macke sagt:

    Hallo Marco, wir einigen uns einfach darauf, dass beide Varianten Vor- und Nachteile haben! 🙂 Siehe Leserlichkeit.

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